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Du willst deine Angst loswerden?


Mensch steht vor Nebelwand mit furchterregendem Wesen

Ob Prüfungsangst, Existenzangst, Verlust- oder Bindungsangst, die Liste unserer Ängste lässt sich beliebig erweitern. Wieviel Angst um uns herum existiert, macht die aktuelle Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen deutlich.

 

Sicherheiten brechen in unserem äußeren Umfeld weg und sofort werden unsere inneren Ängste aktiviert. Und das, obwohl wir in einem reichen, politisch und sozial stabilen Land leben, ohne bedrohliche Naturkatastrophen usw., gehört Angst unvermeidlich zu unserem Leben, von der Geburt bis zum Tode. Der Glaube an ein Leben ohne Angst bleibt wohl illusorisch.

 

Ich freue mich, dass du da bist und dir -zumindest zum Teil- darüber bewusst bist, dass du Angst hast. Bewusstheit darüber zu haben, ist ein wesentlicher Punkt im Umgang mit unseren Gefühlen. Alle Gefühle tragen auch eine Kraft in sich. Viele Menschen sind sich dessen, gerade wenn es um unangenehme Gefühle geht, nicht bewusst.

 

Vermutlich empfindest du deine Angst als unangenehm, lästig und unnütz. Du willst sie einfach nur loswerden und zwar so schnell wie möglich. Geht das überhaupt? Und was musst du dafür tun?

1. Wie sich Angstkraft entwickelt?

Plastische Darstellung eines Gehirns im Querschnitt  mit mandelförmiger Amygdala

Betrachten wir unsere Angstkraft zunächst mal evolutionsbiologisch. Die Amygdala gehört (deutsch: Mandelkern) zu den ältesten Teilen unseres Gehirns und ist ein Organ aus Nervenzellen. Wir können sie uns wie eine große Karteikartensammlung vorstellen. Sobald ein Reiz von außen kommt, durchsucht sie ihr Archiv. Ist ein derartiger Reiz schon einmal dagewesen? Was ist danach passiert?

 

Als Kind fühlte ich mich mal angezogen von einem Hund, von dem ich dann gebissen wurde, als ich ihn streichelte. Die Erinnerung: Hund gestreichelt! war über viele Jahre mit Schmerz verknüpft. Meine Amygdala setzte ihren Stempel auf meine Erinnerung. Und weil alle Lebewesen Schmerz vermeiden wollen, habe ich von da an um alle Hunde einen großen Bogen gemacht. Mich nach Jahren dann einem Hund zu nähern und ihn zu streicheln, war zunächst mit Angst verbunden.

In dem Fall sendet die Amygdala vermehrt den Neurotransmitter Dopamin (Botenstoffe) an wichtige Nerven und ans Stammhirn, dem ältesten Teil des Gehirns. Über Hormone werden von dort die körperlichen Reaktionen ausgelöst: Unsere Atmung wird schneller, um unser Blut mit mehr Sauerstoff zu versorgen. Wir reißen die Augen auf, um besser sehen zu können. Und unsere Verdauung verlangsamt sich, um Energie zu sparen. Unser Körper stellt sich darauf ein, uns zu verteidigen oder zu fliehen. Doch zunächst lässt er uns erstarren, weil wir evolutionsbiologisch auf die Bewegung von Raubtieren reagieren, bis wir uns orientiert haben, wo die Gefahr herkommt. Ist die Gefahr vorbei, zittern wir möglicherweise, d. h. der Körper entlädt die zuvor festgehaltene Energie. Der Körper beginnt sich zu entspannen.

 

Ängste sind also erlernbar. Der Prozess, der dahintersteckt, bleibt der gleiche. Anziehung und Ablehnung des Unbekannten stehen im dauerndem Wechselspiel. Mal siegt das eine, mal das andere. Und in diesem Wechselspiel entwickelt ein Kind seine Angstkraft. Dieser Prozess setzt sich immer weiter fort und hört nie auf. Immer neue Grenzen wollen Kinder erforschen und überschreiten. Und als Erwachsene geht es uns ebenso. Das lässt auch die Feststellung zu, das nicht Mut, sondern Neugier das Gegenstück zur Angst ist. Du möchtest doch nicht dein Leben lang in deiner Komfortzone verbringen, oder? Angst bedeutet Grenze oder Schwelle. Sie trennt das Unbekannte vom Bekannten.

2. Angst vor der Angst

Oft sind wir uns der Existenz dieser Grenzen schmerzlich bewusst und wollen einer Konfrontation mit ihnen ausweichen. Eine sehr bekannte jedoch häufig unbewusste Vermeidungsstrategie ist die Erzeugung von Angst vor der Angst. Hierbei wird vor der tatsächlich eigenen Grenze eine zweite künstliche Angst gebildet, die sich Angst vor der Angst (Erwartungsangst) nennt.

 

Wenn wir im Mechanismus, Angst vor der Angst, gefangen sind, glauben wir die Angst zu kennen. Doch wir kennen nur die Vermeidungsstrategie unseres Körpers, nicht aber die Angst selbst. Die Angst und ihre Kraft sind unbekannt.

 

Eine wichtige Erkenntnis ist daher, dass wir das, wovor wir flüchten, nicht kennen. Ratsam ist hier, sich für die Möglichkeit zu öffnen, dass es die Flucht und nicht die Angst ist, die uns zermürbt. Sind wir in einer solchen Dauerschlaufe gefangen, ist in jedem Fall professionelle Hilfe ratsam.

3. Deiner Angst bewusst begegnen

Auch wenn Angst unausweichlich zu unserem Leben gehört, heißt das nicht, dass wir uns ihrer dauernd bewusst sind. Sie ist dennoch immer gegenwärtig und kann jeden Augenblick ins Bewusstsein treten, wenn sie im Innen oder Außen durch ein Erlebnis hervorgerufen wird, wie uns die aktuelle Pandemie deutlich zeigt.

 

Meist haben wir die Neigung, unserer Angst auszuweichen. Wir wollen sie vermeiden und haben zahlreiche Methoden entwickelt, sie zu verdrängen, zu betäuben, zu überspielen und zu leugnen.

 

Als moderner Mensch haben wir vielleicht keine Angst mehr vor Donner und Blitz, weil es inzwischen erforscht ist, was hinter dem Naturphänomen steckt. Heute haben wir beispielsweise Angst vor Viren, vor neuen Krankheitsbedrohungen, dem Altern und Vereinsamen. Auch die Methoden der Angstbekämpfung haben sich gar nicht so arg verändert. Damals halfen Glaube, Opfergaben und magischer Gegenzauber. Heute sind die Angst zudeckenden Mittel: Medikamente und Drogen, Alkohol, Zucker, TV, digitale Medien, Sport, Konsum- und Kaufverhalten usw. und opfern ein Teil von uns selbst.

 

Zu der wichtigsten neuen Möglichkeit der Angstverarbeitung heute, zählen die Therapien, Beratungen und Coachings in ihren unterschiedlichen Ausgestaltungen. In diesen geschützten und begleiteten Rahmen können wir unsere Angst, ihre Entwicklung sowie Zusammenhänge erforschen und uns bewusst mit ihr konfrontieren. Geschieht fruchtbare Angstverarbeitung, reifen wir nach.

4. Angst annehmen & umwandeln

Küken hat Eierschale verlassen

Und so, wie wir sie erlernen können, können wir sie uns häufig auch wieder abtrainieren. Betrachten wir Angst einmal ohne Angst, können wir ihren Doppelaspekt sehen. Wie alle Grundgefühle (Angst, Wut, Trauer, Scham, Freude) hat auch sie zwei Seiten.

Angst ist wie eine Schwelle, die das Unbekannte vom Bekannten trennt. Hier kann sie zu einer Kraft werden, uns aktiv machen oder uns lähmen. Sie ist wie eine Warnung oder ein Alarmsignal bei Gefahren und fordert uns gleichermaßen auf, sie zu überwinden. Nehmen wir unsere Angst an und meistern sie, bedeutet das ganz klar einen Entwicklungsschritt. Sie lässt uns ein Stück reifen. Das heißt, das Angstkraft uns auch über die Schwelle tragen kann.

 

Weichen wir vor ihr und vor der Auseinandersetzung mit ihr zurück, stagniert unsere Entwicklung. Wo wir die Angstschwelle nicht überwinden können, bleiben wir kindlich in unserer Entwicklung.

 

Jeder Entwicklungsschritt, Reifungs- und Veränderungsprozess ist mit Angst verbunden, denn er führt uns in etwas Neues. Innere und äußere Situationen, die wir bisher noch nicht und in denen wir uns noch nicht erlebt haben.

 

All das Unbekannte enthält neben dem Reiz des Neuen und der Lust am Abenteuer, auch Angst. Besonders gern kommt sie an wichtigen Stellen unserer Entwicklung ins Bewusstsein. An Übergängen von Lebensabschnitten, wie beispielsweise der Einschulung, Pubertät, den ersten sexuellen Erfahrungen, dem Ehebekenntnis, der Mutter- bzw. Vaterschaft, dem Verlust eines nahen Menschen, nach dem Enden einer Partnerschaft, den Wechseljahren, einem Job- oder Wohnortwechsel und der Begegnung mit dem Tod. Immer steht die Angst am Anfang – bewusst oder unbewusst. Wir können nur versuchen, ihr mit Mut, Vertrauen, Erkenntnis, Demut, Hoffnung, Glaube, Macht, Liebe und Neugier zu begegnen. Sie können uns helfen, unsere Angst anzunehmen und uns mit ihr auseinanderzusetzen.

 

Vor Methoden, die Angstfreiheit versprechen möchte ich warnen. Sie wecken illusorische Erwartungen und werden unserem Menschsein mit unseren Gefühlen aus meiner Perspektive nicht gerecht.

5. Fazit

Angst ist eine Spiegelung unserer Abhängigkeiten und Sterblichkeit. Wenn wir etwas weder ändern noch akzeptieren können, brauchen wir unsere Angstkraft. Nur dann kann etwas vollkommen Neues geschehen, dann können wir unsere Form ändern. Angst ist die Kraft, die uns über unsere jetzige Form hinausführt in die kreative Dunkelheit, aus der wir neu geboren werden können.

Gregory Berns, Gehirn- und Verhaltensforscher sowie Professor für Psychiatrie an der Emory University in Atlanta, U.S.A., untersucht in seinem Buch „Satisfaction – warum nur Neues uns glücklich macht“, was uns Menschen eigentlich befriedigt. Im Ergebnis stellt er fest, dass uns nur das Neue wirklich erfüllt. Angst hält dich von deinem Ziel ab! Wenn wir ihr nicht bewusst begegnen, werden wir ihre Naturkraft nie entdecken. Deine Neugier ist das Gegenstück zu deiner Angst.


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Über die Autorin Daniela Schürmann

 

Hallo, ich bin Daniela Schürmann.

Ich stärke dich dabei, dir selbst zu vertrauen und dich anzunehmen, auf dem Weg zu deiner Einzigartigkeit. Als deine Mentorin und Weggefährtin begleite ich dich gerne ein Stück auf deiner Reise, deinen ganz eigenen authentischen Lebensweg zu dir selbst zu gehen.


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