Gestalttherapie: Kontakt und Kontaktvermeidung

Frau mit Maske trägt ein Kind auf dem Arm - Angst überwinden

In Begegnungen mit anderen Menschen müssen wir mit einer Fülle von Informationen auf unterschiedlichen Ebenen umgehen. Hinzu kommen vergangene Lebenserfahrungen, die ebenfalls im Kontakt mitwirken.

 

Viele Menschen haben häufig unbewusst Angst, sich wirklich auf Kontakt einzulassen. Sie haben Angst, sich im Kontakt zu verlieren oder verletzt zu werden. Gleichzeitig wünschen sie sich lebendige und erfüllende Beziehungen.

 

Was braucht es, damit angemessener Kontakt mit anderen Menschen gelingen kann? Wie können wir unsere Beziehungen, zu uns selbst UND anderen, friedvoller gestalten? Die Gestalttherapie ist eine Therapie des Kontakts und der Beziehung. Sie wertet Kontaktvermeidung nicht defizitär, sondern erkennt Kontaktunterbrechungen als kreative Kraft unserer Seele an und fördert die Bewusstwerdung dieser inneren Vorgänge.

1. Was bedeutet Kontakt in der Gestalttherapie?

Kontakt ist ein wesentlicher Begriff in der Gestalttherapie. Er stammt vom lateinischen contigere und heißt „berühren“. Gehen wir mit jemandem oder etwas in Kontakt, berühren wir und lassen uns berühren. Mittels unserer Sinne können wir mit allem in Kontakt gehen, was außerhalb unseres Körpers liegt, wie etwa mit Gegenständen, Nahrung, Tieren, Musik und der Natur. Und wir können mittels unserer Wahrnehmung mit uns selbst in Kontakt gehen, mit unserem Körper, unseren Gefühlen, Teilpersönlichkeiten und unserem inneren Wesenskern.


Eigentlich sollte das selbstverständlich sein, tatsächlich gehen jedoch die meisten Menschen so gut wie gar nicht in Kontakt und vermeiden ihn. Sie vermeiden den Kontakt mit den Dingen beispielsweise, indem sie beim Essen lesen, statt das Essen zu sehen, zu riechen und zu schmecken.
Vor allem vermeiden Menschen jedoch den Kontakt zu sich selbst und anderen Menschen. Sie nehmen nicht wahr, wenn ihr Körper Bewegung will oder Ruhe braucht, wenn sie wütend, traurig, ängstlich sind oder sich schämen. Menschen schauen aneinander vorbei, hören sich nicht zu und sind stattdessen damit beschäftigt, was sie als nächstes sagen oder tun wollen. Statt sich wirklich berühren zu lassen, Interesse für sich und andere zu zeigen, verstecken sie sich hinter Mauern. Hier könnten sicher noch unzählige weitere Beispiele benannt werden.

2. Kontaktfähigkeit & Kontaktgrenze in der Gestalttherapie

Um zu berühren und sich berühren zu lassen, braucht es „Kontaktfähigkeit“ und eine „Kontaktgrenze“. Möchten ich etwas anfassen oder genau anschauen, muss ich dazu bereit und fähig sein. Kontakt braucht also eine Grenze und dazu ist ein gewisses Maß an Aggression nötig.

 

Aggression stammt vom lateinischen aggredi und bedeutet „herangehen, angreifen“. Ohne Aggression können wir nicht einmal einen Apfel (stellvertretend für ein Bedürfnis) essen. Unser Körper muss Energie mobilisieren, damit ich mich zum Apfel bewege, ihn in die Hand nehme, von ihm abbeiße, ihn kaue und den Apfelbrei hinunterschlucke. Leider haben viele Menschen im Laufe ihres Aufwachsens gelernt, mit der destruktiven Seite der Aggression auch die natürliche und lebendige Seite des „Anpackens“ zu unterdrücken.

Um wirklich kontaktfähig zu sein, ist es notwendig, sich abgrenzen zu können und diese Grenze halten zu können. Das bedeutet, dass ich eine Grenze zwischen mir und der Umwelt, mir und anderen Menschen, sowohl meine als auch ihre Bedürfnisse wahrnehmen und halten kann. Ich als eigenständiger Organismus mit eigenständiger Identität bestehen. Viele Menschen haben häufig unbewusst Angst, sich wirklich auf Kontakt einzulassen. Sie haben Angst, sich im Kontakt zu verlieren oder verletzt zu werden. Die Arbeit an der Kontaktgrenze steht im Mittelpunkt der Gestalttherapie.

3. Die Mechanismen der Kontaktvermeidung

Bin ich nicht kontaktfähig, dann vermeide ich Kontakt. In der Gestalttherapie wird bei der Kontaktvermeidung zwischen verschiedenen Vermeidungsmechanismen unterschieden. Die fünf bedeutendsten stelle ich vor.

3.1. Deflektion, der Mechanismus "Ablenken"

Deflektion stammt vom lateinischen deflectare und bedeutet „ablenken, (herab)biegen“. Diese erste beliebte Methode der Kontaktvermeidung beschreibt eine Art und Weise von Menschen, den direkten Kontakt mit anderen Menschen abzuschwächen, einzuschränken oder gar abzubrechen.

Dies geschieht etwa durch Weitschweifigkeit, durch eine übertriebene Ausdrucksweise, dadurch, dass man nie zur Sache kommt, schlechte Beispiele heranzieht, die nichts besagen, höflich statt direkt ist, sich einer stereotypen Sprache bedient, über die Vergangenheit spricht, wo doch die Gegenwart relevant ist und seine eigenen Worte in Frage stellt. All diese Ablenkungen führen nur dazu, das Leben zu verwässern.

3.2. Introjektion, der Mechanismus "Schlucken ungeprüfter Fremdkörper"

Introjektion ist ein neulateinisches Kunstwort und bildet sich aus intro „hinein“ sowie iactare „werfen“.

Dabei nehmen wir „unzerkleinert“ und „unverdaut“ Nahrung bzw. unverstandene oder uneingesehene Wertvorstellungen, Normen und Vorgaben aller Art in uns auf. Später liegen sie uns dann „quer im Magen“.

 

Als Kind sind wir noch nicht in der Lage, die Werte und Normen unserer Eltern und Bezugspersonen zu hinterfragen, „durchzukauen“ und nur das davon aufzunehmen, was gut für uns ist. Das bedeutet, dass wir aus unserer Kindheit eine Menge Introjekte oder „Fremdkörper“ mitbringen, wie diese möglicherweise geschluckten Einstellungen.

Wir können aber auch als Erwachsene weiter introjizieren und „schlucken“. Dann setzen wir uns nicht wirklich mit der Nahrung oder Vorstellung auseinander, mit der wir es zu tun haben, schlucken diese hinunter, um es nicht berühren zu müssen.

3.3. Projektion, der Mechanismus "Statt dich nehme ich etwas eigenes wahr"

Der Kontaktunterbrechungungs-Mechanismus Projektion stammt vom lateinischen Verb proicere und bedeutet „vorwerfen, hin- und wegwerfen, erachten, verschmähen, fortjagen“.

Die Projektion kann so mächtig sein, dass sie in einem Krieg mündet. Deshalb empfehle ich die Auseinandersetzung mit der Projektion unbedingt.

 

Beim Projizieren nehme ich mein Gegenüber nicht so wahr, wie der Mensch tatsächlich ist. Statt mit diesem in Kontakt zu treten und diesen wahrzunehmen, wie er ist, blende ich Unterstellungen (Fantasien, Interpretationen, Halluzinationen usw.) darüber. Besonders problematisch wird dies, wenn es sich dabei um Dinge handelt, die ich an mir selbst ablehne oder auch dem anderen genau das unterstelle, was ich mir selbst verbiete oder an mir nicht mag. Zum Beispiel, wenn ich eigentlich wütend bin, es mir jedoch nicht erlaube. Da ich es ablehne, wütend zu sein, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass ich die Fantasie habe, der andere sei wütend.

 

Man kann negative Dinge projizieren, wie es zum Beispiel geschieht, wenn jemand zum Sündenbock gemacht wird, aber auch Positives. Bestes Beispiel für positives projizieren ist das, was wir tun, wenn wir verliebt sind. Dabei sehen wir den jeweils anderen in den schillernsten Farben. In Wirklichkeit projizieren wir meist unsere eigene nicht gelebte Großartigkeit.

3.4. Konfluenz, der Mechanismus "Zusammenfließen"

Konfluenz ist eine Kontaktvermeidungsstrategie, die vom lateinischen confluens kommt und bedeutet „zusammenfließen“. Manchmal werden in diesem Zusammenhang in der Gestalttherapie auch die Worte „Verstrickung“ oder „Verschmelzung“ verwendet. Damit bezeichnet sie die fehlende Kontaktgrenze gegenüber der Umwelt, d.h. ich sehe den Unterschied zwischen mir und der Umwelt, mir und dem anderen Menschen nicht. Die Grenze fehlt.

 

Wer um jeden Preis Nähe und Harmonie herstellen will, sich nach den Erwartungen anderer richtet und jeden Konflikt vermeidet, ist konfluent. Dieser Mensch grenzt sich nicht ab, ihm fehlt -wie auch bei der Deflektion- die Kontaktfunktion der Aggression (lebendige Aggression, wie ich sie in Punkt 2. erläutere). Hier ist das Mittel der Konfliktvermeidung nicht ausweichen, sondern der Versuch, Gleichklang mit der Umgebung herzustellen, es ist „schwimmen mit dem Strom“.


Hier gibt es noch eine Sonderform der Konfluenz: Sie stellt das „Dagegensein um des Dagegenseinswillen“ dar. Wer meint, sich ständig abgrenzen und immer auf dem eigenen Standpunkt beharren zu müssen, ist ebenfalls konfluent, allerdings in der Verneinung. Hier findet keine wirkliche Abgrenzung statt, sondern der Betreffende handelt, ohne seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche wirklich zu spüren, in starrer Abhängigkeit und nicht selbstbestimmt von der Umwelt.

Ein spannender Punkt der Konfluenz ist, dass die meisten Menschen nicht mit ihren eigenen Gedanken bewusst in Kontakt gehen können, weil sie keine Kontaktgrenze zu ihnen ziehen!

Sie identifizieren sich ganz und gar als Mensch mit ihren Gedanken und sehen sich nicht unabhängig von ihnen. Sobald ich mich mit dem Anteil der/des „inneren Zeug:in“ identifiziere (beispielsweise beim Meditieren), kann ich erleben, dass ich unabhängig von meinen Gedanken bestehe. Gedanken kommen und gehen, während ich unveränderlich bin.

Ich kann auch entscheiden, welche Gedanken ich einlade, wenig hilfreiche, mit denen ich mir schlechte Gefühle mache und mich blockiere, oder hilfreiche, die mir gut tun und mir weiterhelfen. Ich bin dann König:in über meine Gedanken und nicht Opfer meiner Gedanken.

3.5. Retroflektion, der Mechanismus "Zurückhalten"

Retroflektion kommt vom lateinischen retro, „zurück, rückwärts, nach hinten“ und flexio „Biegung“. Wir Menschen vermeiden Kontakt sehr häufig, indem wir uns zurückhalten und das, was wir ursprünglich nach außen tun wollen, uns selbst antun.

 

Statt unsere Wut nach außen zu bringen, was unser wirkliches Bedürfnis wäre, verspannen wir uns, verletzen uns und richten diese Wut gegen uns selbst. Selbstbestrafung. Statt auf andere zuzugehen, sie anzusprechen, unsere Liebe auszudrücken, verschließen wir uns, spannen uns an und verpanzern uns. Und so kann das „Zurückhalten“ zu chronischen Muskelverspannungen führen, die sich mit der Zeit summieren und zu unserem „Charakterpanzer“ werden, wie Wilhelm Reich, Stammvater der humanistischen Körpertherapien, es nannte.

 

Dieser Kontaktunterbrechungs-Mechanismus ist nicht leicht zu durchschauen und wir brauchen dabei manchmal Hilfe von anderen. Das können Freunde und Familienmitglieder sein, wenn sie sich trauen, dir gegenüber wohlwollend und empathisch auch unangenhme Themen anzusprechen. Es ist der wesentliche Grund, wofür sich Menschen therapeutische Unterstützung suchen. Dabei wird in dem Prozess die Zurückhaltung wieder umgekehrt. Durch das eigene Erleben und Erfahren im therapeutischen Kontakt wird das ursprüngliche Bedürfnis gespürt und im nächsten Schritt wieder nach außen gebracht.

4. Kontaktvermeidung - hilfreich und gut?

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Wie bereits erwähnt, nutzen alle Menschen die Möglichkeit der Kontaktvermeidung. Welche wir wann wählen, hängt mit vielen individuellen Faktoren zusammen. Dabei sind die eigene Persönlichkeit sowie die unseres Gegenübers und unsere jeweiligen Bedürfnisse bedeutend. Wie Nahe stehen wir uns, welche Bindung haben wir zueinander und wieviel Bewusstheit hat jede:r über sich selbst, sind ebenfalls ausschlaggebende Einflüsse.


Alle Möglichkeiten der Kontaktvermeidung haben auch hilfreiche Seiten und es ist mitunter notwendig und ratsam, keinen Kontakt zu haben. So kann es hin und wieder vorteilhaft sein, diplomatisch zu sein, statt Konflikte anzugehen (Deflektion). Es kommt manchmal vor, dass man keine Zeit hat „zu kauen“, und wohl oder übel Vorgegebenes einfach übernimmt (Introjektion), und manchmal ist es auch gut, sich zurückzuhalten (Retroflektion).

Kontakt ist anstrengend. Wir brauchen auch immer wieder Räume und Zeiten, in denen wir aus der Beziehung zu anderen gehen, um uns zu erholen, entspannen und wiederzufinden. Auch hierfür ist Kontaktunterbrechung förderlich, insbesondere, wenn sie bewusst geschieht und dazu führt, dass wir mit uns selbst in Kontakt treten.

 

Vielen Menschen ist folgender Satz nur allzu bekannt: „Schau mich an, wenn ich mit dir rede!“

Kennst du den Satz? Weckt er Erinnerungen? Er drückt Überlegenheit im Kontakt aus und kann so genutzt werden, um Macht auszuüben. Meiner Erfahrung nach ist das einer von diversen Gründen, die viele Menschen gelernt haben, um nicht in Kontakt zu gehen, sondern sich zu schützen.

Kontaktvermeidung mag manchmal sinnvoll sein und kann regulierende Zwecke erfüllen. W
ichtig ist dabei, eine Wahl bzw. Wahlmöglichkeit zu haben, ob ich in Kontakt gehe oder nicht. Und die Wahl habe ich nicht, wenn ich fixiert an der Kontaktvermeidung festhalte.

5. Fazit

Vor allem vermeiden Menschen Kontakt zu sich selbst und anderen. Habe ich keine Verbindung zu mir selbst, meinem Körper, meinen Bedürfnissen und Gefühlen, ist Kontakt zu anderen kaum möglich. Eine wichtige Aufgabe liegt also darin, wieder in Kontakt mit dir selbst zu kommen. Kontaktfähigkeit braucht die lebendige Seite der Aggression, des Anpackens und eine Grenze.

Kontakt mit dir selbst ist aber nicht alles! Wir Menschen wachsen durch die Begegnung mit anderen, wir werden zum „Ich am Du“, wie es Martin Buber (Philosoph) formulierte.

Kontakt ist, wenn ich mich selbst klar und ehrlich mit meinen Empfindungen, meinen Gefühlen und Gedanken auf der einen Seite und den anderen Menschen als anders, als Gegenüber wahrnehme und wenn wir uns miteinander austauschen. Im Kontakt versuche ich, wahrzunehmen und auszudrücken, wer ich bin. Und den anderen wahrzunehmen, als der Mensch, der er ist. Hier beginnt Entwicklung.

Richten wir uns nach den Erwartungen anderer, vermeiden jeden Konflikt und wollen Harmonie und Nähe um jeden Preis herstellen, fehlt die Kontaktfunktion des Konflikts. Und dafür zahlen wir dann einen hohen Preis. Jeder Mensch hat Grenzen und so ist der Umgang damit Verhandlungssache! Sowohl starre als auch überbewegliche Grenzen machen sozial inkompatibel.

 

Kontaktunterbrechungen können durchaus hilfreich sein und regulierende Zwecke erfüllen. Insofern ich die Wahl habe, ob ich in Kontakt gehe oder nicht, spricht das für gesunden Kontakt. Die eigene Kontaktfähigkeit fördern, sehe ich als lebenslanges Experimentierfeld.


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